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KuSuH Trail 100 |
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Dies zu erleben, dieses Glück wurde mir zuteil. In Form eines grandiosen Laufes, der eigentlich ein Abenteuer ist.
07.02.2011 - der PC läuft. Die Liste "accepted runners" des HARDROCK 100 ist angeklickt. In alphabetischer Reihenfolge
erscheinen die Namen auf dem Bildschirm. Unter dem Buchstaben "H" erscheint als vorletzter Name -
MEINER!!! - Höfle Wolfgang.
Fassungslos starre ich auf das, was ich vor mir sehe. Ich bin ausgelost! 600 Bewerber für 140 Startplätze in der gewichteten Lotterie und mein einziges Ticket wurde gezogen. Ich fasse es nicht! Ein emotionaler Zusammenbruch, ich habe es mir so sehr gewünscht, dass ich nicht daran glauben konnte. Gela, meine Frau, nimmt mich in den Arm. Wir freuen uns einfach nur. Dann alle Lauffreunde informiert, die natürlich auch völlig aus dem Häuschen waren.
Ich werde also am HARDROCK 100 Endurance Run am 08. bis 10. July 2011 in Silverton/Colorado in den Rocky Mountains an den Start gehen.
HARDROCK 100 Endurance Run - das sind: 100,5 Meilen (161,8 km), fast 11.000 Höhenmeter, 13 Pässe, tiefster Punkt der Strecke 2.400 Meter, höchster Punkt "Handies Peak" 4.200 Meter, 80 % des Laufes über 3.000 Meter Höhe, sehr viel Schnee, 20 Flussquerungen, eigentlich nur Trailwege - kurz der härteste 100 Meiler der Welt. 48 Stunden beträgt das Zeitlimit.
Bis zum Start blieben 5 Monate Trainingszeit. Ich würde sie sehr gut nützen müssen. Dann noch 14 Tage vorher anreisen, um mich an die dünne Höhenluft zu gewöhnen und dann "GO".
Ich beschloss, im Grossen und Ganzen mein bisheriges Laufen (12 Stunden pro Woche) beizubehalten und mit gelegentlichen Hügelläufen zu ergänzen. Es kam schnell anders. Giselher Schneider, 2-facher HARDROCK-finisher und einmal sogar 2. Platzierter sowie Hans-Dieter Weisshaar, 7-fach Finisher, gaben mir wertvolle Tipps fürs Training und für den Lauf selbst.
Auch las ich einige Laufberichte auf der Homepage des Veranstalters, die sehr aufschlussreich für mich waren, u. a. dass der Lauf für mich nur erfolgreich sein konnte, wenn ich 1. viel und sehr hart trainiere und 2. dabei gesund bleibe. Im Besonderen sah mein Training so aus:
An den Wochenenden zwischen 8 und 10 Stunden Traillaufen mit soviel Hügeln wie möglich. Unter der Woche 3 Läufe von 60 bis 90 Minuten und dazu 2 x Bergtraining. Einmal im Monat Tempotraining auf der Bahn. Bergtraining bedeutete, eine Strecke, die auf 5 KM stetig ansteigt, so schnell als möglich hoch zu laufen. Mit fortgeschrittenem Training dann hoch, langsam zurück, dann wieder Vollgas hoch und zurück. Dies wurde bis 2 Wochen vor dem Abflug auf 3 x gesteigert. Die 2. Variante des Bergtrainings war die, eine extreme Steigungsstrecke, ca. 35 - 40 % von ungefähr 400 Meter so oft hoch und runter wie ich in der Lage war. Einmal waren es 13 Wiederholungen. Das Bergtraining war sehr anstrengend für Körper und Geist. Denn das Wissen, nach einem langen Arbeitstag so ein Training durchzuziehen war schon belastend. Ich trainierte trotzdem gern, schließlich ging es um ein HARDROCK 100 Finish!
Jede 4. Woche legte ich eine Ruhewoche ein, in der nur 80 % der üblichen Trainingsstunden absolviert wurden.
Wettkampfmäßig lief ich Mitte April meinen eigenen 100 Meiler, den "KuSuH Trail 100", in knapp 24 Stunden. Im Mai einen 54 KM Hügellauf in beschleunigter Gangart (5:20 Stunden), dann den K UT (Keufelskopf-Ultra-Trail) 85 KM, 3.000 Höhenmeter, ausschließlich Trailwege in 12.51 Stunden. Zwei Wochenenden im Mai und Juni verbrachte ich in den Alpen, um noch die größeren Höhen und ganz schwierigen Trails zu trainieren.
Bis zum Abflug kam ich auf 300 Laufstunden in 5 Monaten. Es war das Maximale für meine Möglichkeiten.
Zwei Wochen vor dem Lauf waren Gela und ich in Silverton, 2.700 Meter hoch, die Zeit sollte ausreichen um mich zu akklimatisieren. Wir nahmen auch an 3 Markierungstouren teil und lernten so einen Teil der Strecke und viele HARDROCKER kennen. Zwei Touren auf dem bereits markierten Kurs unternahmen wir noch privat, dazu ein bisschen tägliches joggen. Ich fühlte mich sehr gut - physisch und psychisch. Ich hatte einen Plan erstellt, wann ich im Rennen an jeder der 13 Aidstations sein wollte. Dieser Plan war auf ein Finish von 46 bis 48 Stunden ausgelegt. Für mich ging es ausschließlich ums Ankommen!
Emotionaler Abschied von Gela und David. Dann stürmen alle HARDROCKER los wie bei einem 10 KM Rennen, nur um nach einem halben Kilometer im Ultraschlappschritt dahin zu dümpeln. Ähnlich wie in dem bekannten Pferdefilm "Hidalgo". Die Strecke verlief wellig auf wurzeligen, matschigen Trailpfaden. Nach 15 Minuten hatte ich schon 3!!! Bäche durchquert. Es war unglaublich viel Schnee in den Bergen dieses Jahr gefallen und der schmolz seit 3 Wochen, deshalb waren Rinnsäle Bäche und Bäche Flüsse.
Es ging nun in vielen Serpentinen hoch in den Wald. Durch die Bäume sah ich weiße Gipfel. Der erste Pass - "Dives Little Giant" - 13.000 Feet (3.960 Meter).Da durfte ich drüber. Nach der Baumgrenze wurde der Weg deutlich schmaler und ausgesetzter. Sehr steil führte er auf kürzestem Weg hinauf. Immer felsiger werdend. Es war anstrengend und dauerte schier endlos. Oben angekommen balancierte ich den schmalen Grad entlang (Abstürzen wäre tödlich gewesen). Und dann, endlich hinunter zur 1. Aidstation "Cunningham". Ich wurde viel überholt bergab, egal, meine Knochen sollen auch nach HARDROCK noch funktionieren, deshalb hielt ich mich ein bisschen vornehm zurück. 50 Meter vor der Aidstation noch eine Flussquerung, wäre auch zu schön gewesen, trockenen Fußes dort hinein zu kommen.
Cola, Salziges und Süßes zu Essen, aus dem DropBag meine Windjacke, ein unentbehrliches Laufutensil ab jetzt und weiter. 2.45 Stunden für 8,6 Meilen.
Gleich direkt nach der Aidstation führt der Weg supersteil auf grasigem Trail bergan. Bis zum höchsten Punkt - "Stonypaß" - 3.850 Meter, hinauf, waren noch einige Schneefelder zu überqueren. Der Lauf bisher war sehr fordernd, die Landschaft mit Worten fast nicht zu beschreiben. Auf dem höchsten Punkt des "Stonypasses" bot sich ein atemberaubender Ausblick auf schneebedeckte Gipfel die rings um mich herum in die Höhe ragten. Leider nahm ich auf den Lauf keinen Fotoapparat mit - ein dummer Fehler! Naja ...
Zu diesem frühen Zeitpunkt des Rennens waren noch einige andere Läufer vor und hinter mit, dies sollte sich später ändern. Dann war ich meist allein.
11:30 Uhr Aidstation "Maggi Gulch". Ich bleibe 6 Minuten. Essen, trinke und genieße währenddessen die traumhafte Landschaft. Und weiter!
Es folgt ein kurzer heftiger Anstieg auf Graspfaden. Immer wieder querte ich kleinere Bäche, die zu breit zum darüber springen waren. Nasse Füße waren wirklich ein Dauerzustand, ich hoffte sehr, keine Blasen zu bekommen. Nach einem Abstieg von etwa 400 Höhenmetern erreichte ich Aidstation "Pole Creek". Es ist kurz nach 13 Uhr. Sie liegt völlig abgeschieden in der Wildnis unter einer Baumgruppe. Die Helfer haben alles mit Pferden hierher geschafft. Ich labe mich an Nudelsuppe, Tee und Cola. Nehme eine Salztablette und verabschiede mich von den sehr hilfsbereiten und freundlichen Leuten der Verpflegung. 5 Minuten dauerte mein Aufenthalt. Das ist OK.
9,1 Meilen nach "Sherman", die nächsten Haltestelle. Zunächst geradeaus durch ein malerisches Tal, zwischen schneebedeckten hohen Bergen. Die Weite der Landschaft kam hier so richtig zur Geltung. Die starke Schneeschmelze hatte den Pfad an vielen Stellen stark durchweicht und ich musste öfters durch üble Matschgruben durch. Hier setzte auch ein heftiger Regen ein, schnell Rucksack runter, Allwetterjacke an und weiterlaufen. Lang zog sich der wellige Trail durchs Tal, bis er dann in steinigen, wurzeligen endlos erscheinenden Serpentinen durch einen Wald hinab zur Aidstation führte.
3- bis 4-mal kreuzte der Weg den "Cataract Creek" einen durch das Schmelzwasser angeschwollenen, stark fließenden Bach. Bei einer dieser Querungen rutschte ich auf den glitschigen Steinen aus und landete mit dem Hintern im Wasser, zudem schlug ich mir mein rechtes Schienbein an einem Baumstamm, der im Bach lag, an. Ich rappelte mich auf, dehnte den Krampf aus der linken Wade - alles im Wasser - und stapfte dann den Trail weiter. Als ich auf mein Schienbein runter sah, entdeckte ich eine Hühnerei große Schwellung und es blutete, aber keine Schmerzen, also weiter. Nach 1,5 Meilen erreichte ich dann endlich die Aidstation Nr. 4 "Shermann", 28,1 Meilen.
Ich liege gut in meinem persönlichen Zeitplan - 10 Stunden bis hierher. 3!!! Helferinnen umsorgten mich, behandelten mein lädiertes Bein. Brachten Suppe, Cola und Kekse. Rundumversorgung mitten in der Wildnis. Ich war richtig gerührt. Ich blieb länger als geplant sitzen - 20 Minuten - erholte mich so gut es ging.
Dies war auch nötig, denn es folgte das längste Teilstück zwischen 2 Aidstationen nach "Grouse Gulch". 13,4 Meilen über den höchsten Punkt des Laufes, dem "Handies Peak", 4.200 Meter hoch, dem nach dem Abstieg ins "American Basin", der "American Grouse" Pass mit 3.800 Meter Höhe folgte. Anschließend ein steiler, schwieriger Abstieg von 3 Meilen zur Aidstation. 6 Stunden 20 Minuten benötigte ich für diesen Abschnitt, der "Handies" war sehr schwer zu besteigen wegen viel Schnee und losem Untergrund.
Auf diesem Streckenabschnitt verlor ich 45 Minuten auf meinen Zeitplan wegen des extremen Wetters, das genau in dieser Zeit herrschte. Erst Wind, dann Hagel, dann beides zusammen, beim Abstieg vom "Handies" ein echt heftiges Gewitter mit allem was dazugehört.
Uns Läufern wurde hier alles, wirklich alles, abverlangt, als ob der Streckenverlauf auf diesem Teilstück mit 1.600 HM Anstieg, Schneefelder, Geröll und viel Wasser nicht gereicht hätte! Die beiden Aufstiege waren sehr kräftezehrend und bei den Blitzen suchte ich Deckung hinter großen Felsen die hier zum Glück waren. Deshalb mein Zeitverlust, blöd, aber nicht zu ändern.
Die Gesamtsituation zermürbte viele HARDROCKER. In "Grouse" stiegen 20! Läufer aus dem Rennen aus - durchnässt, frierend, erschöpft oder einfach Angst vor den Blitzen.
Ich wärmte mich im Zelt, genoss 2 Becher Nudelsuppe, Cola und einen großen starken Kaffee. Ein Helfer füllte meine Trinkblase. Nach 19 Minuten sagte ich: "Number 142 leave the aidstation, thank you, bye!" Mit aufmunternden Worten wie "Good Job, you’re great" von den Betreuern wurde ich auf den Weg geschickt. Diese Worte motivierten mich unglaublich in diesem Verlauf des Rennens.
Es war 23 Uhr. Stockdunkel. Und es folgte der Aufstieg zum "Engineer Pass". Nicht sehr steil, aber langwierig, knapp 6 Meilen, 700 HM stetig hoch, allein in einer schwarzen Nacht voller Wolken. Dann ein kurzer Abstieg auf nassen Graspfaden zur "Engineer" Aidstation (Nummer 6) 48 Meilen waren geschafft. Ich setzte mich ans Lagerfeuer, das groß und sehr warm war, es war eine Wohltat. Ich wärmte mich richtig auf, löffelte die obligatorische Nudelsuppe, diesmal mit viel Gemüse und trank Tee dazu. Hans-Dieter Weisshaar, 7-facher Hardrock Veteran gab mir den Tipp, bloß nicht in der "Engineer" hängen bleiben - rein, essen, trinken und weiter. Ich schaffte es nicht. 13 Minuten blieb ich am wohligen Feuer sitzen, dann raffte ich mich auf. 2.23 Uhr.
Es ging jetzt auf den mit gefährlichsten Streckenabschnitt. 7,9 Meilen hinunter nach "Ouray". Dort würde Gela, David und Georg auf mich warten und mich umsorgen. Der Weg ist ein sehr schmaler Singletrail parallel zum Berg, links gab es dramatische, steile, tiefe Abstürze. Ein Fehltritt wäre der letzte in diesem Leben. Dank meiner sehr hellen Handlampe und meiner mäßigen Laufgeschwindigkeit erreichte ich die große Aidstation "Ouray" unbeschadet und den Umständen entsprechend fit. "Ouray" war Aidstation Nummer 7, der tiefste Punkt des Laufes (2400 Meter). 55,9 Meilen hatte ich hinter mir.
Grosse Begeisterung durch meine Crew, natürlich insbesondere bei Gela. Sie war sehr erleichtert, dass es mir so gut ging. Gela, David und Georg umsorgten mich einfach vorzüglich.
Sie informierten mich auch darüber, dass bereits viele Läufer aufgegeben haben und waren sehr stolz auf mich, dass ich noch so frisch wirkte und gut aussah. Ich wechselte Socken, Schuhe, Laufshirt, aß Nudeln, trank Cola, Tee und ruhte mich so gut es ging aus. Nach 38 Min. (zu lang), um 5.56 Uhr, verabschiedete ich mich und versprach Gela, vor 6.00 Uhr, morgen früh in Silverton zu sein. "Ich werde rechtzeitig ankommen, ganz sicher."
Ich war optimistisch, obwohl weitere 18 Läufer in "Ouray" nicht wieder ins Rennen gingen. Die erste Nacht war vorbei. Nun folgten 7,9 km Jeeproad, leicht ansteigend, doch immer hoch, auf der ich joggen konnte. Die Fels- und Schotterpiste mit vielen Schlaglöchern zog sich durch eine traumhaft schöne Schlucht, vorbei an Wasserfällen, alten verfallenden Minen und felsigen Bergwänden. Der Streckenabschnitt war trotzdem langwierig, schier endlos kam es mir vor, noch eine Kurve, noch eine, endlich nach 3 Stunden erreichte ich "Governor", Aidstation Nr. 8 Meile 63,8. Ich unterhielt mich nett mit dem Personal, das mir wieder meine geliebte, vegetarische Suppe mit Nudeleinlage und Cola servierte. Wieder saß ich länger als geplant in dem bequemen Klappstuhl. 13 Minuten.
Jetzt folgte ein knallharter Abschnitt. Nur 3,3 Meilen zur nächsten Haltestelle, ich würde dafür 2 Stunden brauchen. Zunächst auf Felsen- und Geröllpfaden in langen Serpentinen steil hoch, natürlich wieder durch wadentiefe Bäche. Schräge Schneefelder bedeckten den ursprünglichen Pfad und mussten gequert werden, was nicht ungefährlich war, weil man zur rechten Seite abrutschen und ins Bodenlose stürzen konnte. Nicht hinsehen und darüber nachdenken. Einfach ein Fuß vor den anderen und vorwärts. Dann stand ich auf einer Geröllebene und verschnaufte, vor mir der 3-Stepp (Stufen) Anstieg zum "Virginius Paß", oben, on the top, die Aidstation "Kroger’s canteen". Ein Anblick, der mir den Atem nahm. Um mich herum nur schneebedeckte Berggipfel. Umwerfend schön. Der erste Stepp war der längste, ein sehr, sehr steiles Schneefeld, das auf direktem Weg erklommen wurde. Hier kamen meine 25 cm langen Sticks (Plastikzeltheringe) zum Einsatz, die mir erfahrene HARDROCKER empfohlen haben. Jetzt war ich froh, dieser Empfehlung nachgekommen zu sein. Mit der Unterstützung der mit den Sticks bewaffneten Hände kam ich recht gut vorwärts und erreichte außer Atem die große ebene Fläche unter dem "Virginius Paß".
Zwei Stepps lagen, vielmehr standen noch vor mir, wobei oben von der Aidstation ein langes Seil herabhing, um den Anstieg der letzten Stufe etwas leichter zu bewältigen. Es war unglaublich anstrengend bis on the top "Kroger’s Canteen". Ein paar Mal blieb ich, im Seil hängend, an der nahezu senkrechten Wand stehen und atmete tief durch, bevor ich weiterkletterte. Von oben riefen die Betreuer aufmunternde Worte herunter, die sehr motivierten. Um halb 12 war ich oben in "Kroger’s canteen", Aidstation Nr. 9.
Eine 3 x 3 m große Öffnung zwischen senkrechten Felswänden. Die drei Helfer haben in Rucksäcken Verpflegung, Kocher, Klappstühle usw. hier hoch geschleppt und an diesem ungemütlichen, zugigen Platz eine richtig funktionierende Verpflegungsstation aufgebaut. Unfassbar. Ich genieße Kartoffelsuppe, gefüllte Pfannkuchen, Tee, Cola und das auf knapp 4.000 Meter Höhe. Der HARDROCK ist wirklich unglaublich. Nach 6 Minuten verabschiedete ich mich von den heldenhaften Helfern und stürze mich auf der anderen Seite des Berges in die Tiefe. Es geht jetzt 5 Meilen nur runter nach "Telluride". 72,1 Meilen.
Auch das kann anstrengend sein nach 29 ½ Stunden auf den Beinen und ich bin sehr erleichtert nach 1.30 Stunden in der Aidstation zu sitzen, die Beine auszuschütteln und mir, na was wohl? Suppe und Cola einzuverleiben.
Ich weiß, dass jetzt wieder ein 9,3 Meilen, hammerhartes Teilstück mit einem gewaltigen Aufstieg auf mich wartet. 1.360 Höhenmeter über den "Oscars Paß" (3.940 Meter) Au weia.
Zur Eingewöhnung ging es zunächst flach! durch das hübsche Örtchen "Telluride", nach einer Meile war dann Schluss mit lustig. Auf einer äußerst schlechten, für jegliche Fahrzeuge gesperrten Jeeproad führte die Strecke stetig hoch, immer steiler werdend. Wieder mussten mehrere Gebirgsbäche durchwatet werden. Ich war jetzt ziemlich müde und das hochwandern fiel mir schwer. Ich wusste, dass ich im Zeitplan etwas hinterher hinkte und das trieb mich weiter vorwärts. Nach der Baumgrenze konnte ich den roten "Oscars Paß" erkennen. Zweifel in mir kamen auf. So hoch und so weit sollte ich noch hinauf? Doch es macht keinen Sinn, beim HARDROCK zu hadern, also erstickte ich die Zweifel im Keim und freue, ja ich freue mich, dass ich hier in dieser atemberaubenden Natur und Landschaft laufen darf. Es war schließlich mein größter sportlicher Wunsch.
Mehrere schräge Schneefelder stapfte ich hinauf, bis ich den aus roten großen Steinen bestehenden Pfad erreiche, der mich über den Pass bringt. D.h. der ganze Berg besteht aus diesen Steinen und färben ihn rostrot. Durchsetzt mit Schneefeldern sieht dieser Riesenhang einfach nur beeindruckend und wunderschön aus. Man quert den Grat schräg und auf der anderen Seite sieht man ganz klein unten zwischen Bäumen auf einer Wiese neben einem Fluss die 11. Aidstation "Chapman". Beim Abstieg wurde ich so müde, dass ich gefährlich stolperte und die Gefahr bestand, abzustürzen. Also setzte ich mich auf einen großen Stein, stützte den Kopf auf die Knie und schlief - knapp 15 Minuten lang. Ich erschrak als ich aufwachte und es war kurz nach 18 Uhr, aber das Nickerchen weckte in mir neue Kraft und nach einer knappen Stunde absteigen landete ich wohlbehalten in "Chapman" (81,4 Meilen). Das Übliche: Vegetarische Suppe, Tee, Cola, nach einer Viertelstunde weiter.
Weiter? Wenn es denn ginge! Vor mir, keine 10 Meter neben dem Versorgungszelt, ein wirklich reißender Fluss, gut 5 m breit und hüfttief. Keine Chance für mich darüber zu kommen, ohne in den Fluss zu stürzen und das hatte ich schließlich schon.
Der Aidstationchef sah meine Zweifel und Verzweiflung und besorgte mir 2 Stöcke, mit deren Hilfe ich sehr langsam, aber unbeschadet das andere Ufer erreichte. Mit freundlichen Dankesworten warf ich die Stöcke meinem Helfer zurück und machte mich auf den schmalen Trail, der mich durch einen dichten Wald Richtung "Grant Swamp Paß" führte.
Nach der Waldgrenze konnte ich den gewaltigen Anstieg in seiner ganzen Steilheit vor mir erkennen. Geröll- und Schneefelder, große und kleine Felsen lagen auf meinem Weg und das letzte Stück bis zum Grat war beängstigend steil. Neben mir saß, wirklich in greifbarer Nähe, ein Murmeltier. Hätte ich im Rucksack Platz dafür gehabt - ein schönes Geschenk für Gela?
Der Aufstieg wird heftig, ging es mir durch den Kopf, zumal sich ultradunkle Wolken über dem Grat zusammenzogen. Hoffentlich keine Blitze, war meine größte Sorge. Was kam, war wütender Wind und leichter Hagel und es wurde schnell dunkel. Es war fast 21 Uhr. Zunächst führt der Pfad über wechselnd Schnee und Sand/Steingemisch parallel zum "Swamp Canyon", um dann rechts abzubiegen und von nun an sehr steil zum Pass hinauf. Es war für mich der schwerste Aufstieg, wobei von den anderen keiner leicht war. Auf Schnee kam ich noch einigermaßen vorwärts, auch dank meiner Sticks, doch die letzten 300-400 Höhenmeter waren nur grober Sand und feiner Kies und ich krabbelte auf Händen und Füßen mühsam hinauf; im Wind und Hagel. Öfters blieb ich am steilen Hang stehen und holte nur noch Luft, leuchtete mit meiner LED Lampe nach oben, ohne den Grat zu erkennen.
Weiter, einfach weiter, sagte ich mir, irgendwann bin ich oben. Endlich auf dem Pass hielt sich die Freude darüber in Grenzen, ich war nur erschöpft. Ich suchte den nächsten Marker, denn der nun vorherrschende Nebel ließ die Lampe nicht weit leuchten.
Kein Marker! Wieso? Ganz ruhig, der Weg war bis jetzt perfekt markiert und es geht auch hier weiter, beruhigte ich mich selbst, während ich auf dem schmalen Grat entlang lief.
Kein Marker! Also in die andere Richtung durch den jetzt sehr dichten Nebel. Ein großer Felsen vor mir, etwas glitzert daneben: Marker! Ich atmete auf. Na also. Dann entdeckte ich auf der Rückseite des Felsens die große Metalltafel - das "Joel Zucker Memorial". Es zeigt einen Läufer und eine Inschrift, davor ein Steinkreis. Joel Zucker war ein HARDROCK-Gründer und verstarb leider viel zu früh.
Hans-Dieter Weisshaar, der Veteran, schrieb mir: "Bleib stehen, sag "HI", verbeug dich und weiter." Dies tat ich jetzt und Tränen stiegen mir in die Augen. Es war ein sehr emotionaler Augenblick in einem emotionalen Rennen.
Ich machte mich an den üblen, steilen, schotterigen Abstieg. Die Marker reflektierten nahezu senkrecht nach unten. Ich rutschte auf dem Schottergemisch runter, indem ich mich Richtung Berg lehnte, die Hacken in den losen Untergrund steckte, dann ging alles wie von selbst. Weiter unten war der Pfad wieder laufbar und ich folgte den Markern, die ich mit meiner Handlampe bestens ausmachen konnte. Der Pfad war jetzt nicht mehr so steil, dafür grasiger, teils auch wieder nass und matschig. Er führte rechts herum und auf einen sehr schmalen Trail. Links von mir ging es äußerst steil hinab, rechts ein Hang mit Bewuchs.
Aus der Karte wusste ich, dass dies die "Kamm-Traverse" war, benannt nach dem Deutschen Ulrich Kamm, der diesen Pfad Anfang der 90-er entdeckt hatte. Kamm finishte den HARDROCK 10-mal. An manchen Stellen wurde der Pfad noch schmaler und der Bewuchs sehr lästig, da man ihm nicht ausweichen konnte, weil der Weg auf der anderen Seite steil abstürzte. Ich lief unbeirrt weiter, wissend, dass am Ende des Trails die "KT" Aidstation, Nr. 12 wartete. Die "Kamm Traverse" zog sich unendlich in der Dunkelheit.
Nach einer gefühlten Ewigkeit endlich Licht vor mir, ein Zelt, Klappstühle. Ich fiel förmlich in so einen, äußerte meine Wünsche wie in 8 Aidstations zuvor: Nudelsuppe, Cola, die non-plus-ultra Versorgung für mich bei diesem Rennen. Nach 6 Minuten um 23.31 Uhr ging’s weiter, noch 11,6 Meilen und ca. 900 Höhenmeter.
10 Minuten nach "KT" ein sehr tiefer, stark schäumender Fluss, nicht so breit. Langsam schritt ich durch ihn, es war kalt, fast Mitternacht und somit würde meine Hose mangels Sonneneinstrahlung nicht mehr trocknen bis zum Finish. Egal, Schuhe und Socken sind ja eh durchgehend nass bei diesem Lauf. Gut, dass sofort ein Anstieg folgte, der in engen Kurven in einem Wald hoch führte. Viele Geräusche waren zu hören in der Dunkelheit, im Lichtkegel meiner Lampen aber nichts zu sehen. Allein in der Nacht stapfte ich den anstrengenden Trail hoch. Es fiel mir jetzt schwer und schwerer. Zwei noch steilere Anstiege über grasige Hänge lagen noch vor mir. Aber zunächst noch durch viele Bäche, kleinere Flüsse und viel, viel Matsch. Mit Laufen war nicht viel, eher wandern, rutschen, schliddern, Hauptsache vorwärts. Der letzte Aufstieg des Laufs raubte mir fast den Nerv, im Schein meiner Handlampe erkannte ich 4 Marker, die alle ultrasteil über mir reflektierten und einen leichten Rechtsbogen bildeten. Ich war so müde, auch erschöpft und mochte es nicht glauben. Wieso noch mal soooo steil? Zudem ohne Weg - einfach einen Grashang hoch. Irgendwie, irgendwann war auch das geschafft und die Marker im LED Licht wiesen stetig hinab - hinab, wie schön.
Um 3.05 Uhr erreichte ich die letzte Aidstation "Putnam Basin", Nr. 13. "What can we do for you, soup, water?" fragte ein Betreuer hilfsbereit. "Where is the way to finish?" gab ich zur Antwort. "Cola, cookies?" entgegnete der Helfer. "Where is the way to finish?" war meine gleiche Gegenfrage. Der freundliche Mann wies mir mit einem Lächeln den Weg und ich lief weiter ohne stehen zu bleiben.
Noch knapp 3 Stunden bis cut off, das müsste zu schaffen sein, kein Anstieg mehr, naja ein paar kleinere und eine - die heftigste - Flussquerung des gesamten Laufes. "Mineral Creek Crossing", ein Seil war dort gespannt, der Fluss hüfttief, sehr stark fließend und mehr als 10 Meter breit.
Bis dahin lief, wanderte, stolperte ich einen äußerst abwechslungsreichen Trail entlang. Grobe Felsen, schmale Matschpfade mit nadeligen, hereinhängenden Ästen, Wurzeln, Geröll - von allem etwas. Und immer wieder Bäche. Egal! Durch und weiter. Trotz meiner unsäglichen Müdigkeit kam ich geduldig vorwärts, bis der Trail endlich scharf rechts abbog und zum Fluss hinunterführte. Ein Läufer war gerade im Wasser, es sah sehr abenteuerlich aus.
Dann ich, rein ins sehr kalte, stark schäumende Wasser, gut am Seil festhalten und ein Seitstepp nach dem anderen, die Strömung war wirklich sehr stark, das spürte ich erst jetzt so richtig, als ich in der Mitte des Flusses stand. Weiter am Seil entlang, geschafft, das Ufer hoch, durch einen kleinen Sumpf, über den Highway.
Dort stand ein schlanker, freundlicher Herr, der fragte: "You are o,k, you are fine? I’m Dale Garland, RunDirektor." "I’m so tired, I’m okay, I’m going to finish" antwortete ich, wahrscheinlich etwas verwirrt.
Noch gut 2 Meilen welliges Geläuf. Ich wanderte und joggte, nur vorwärts. Was sagt die Uhr? 5 Uhr in der Früh, es dämmerte. Mir war klar, dass ich es schaffen würde, vor 6 Uhr im Ziel zu sein. Freudentränen stiegen in meine Augen.
An der Jesus Statue "Shrine of Mine" bog ich rechts ab und joggte durch Silverton, noch ein paar hundert Meter, über die Brücke, das Spalier der Fahnen, an deren Ende der große Felsen mit dem HARDROCK Logo.
Mein Sohn David läuft mir entgegen und drückt mir eine deutsche Flagge in die Hand - wieder Freudentränen. Neben dem HARDROCK Felsen steht Gela, freudestrahlend, Beifall klatschend, feuchte Augen. Noch viele andere Leute standen im Zielbereich, ich bekam alles wie in Trance mit, ich war soooo müde.
Das Gefühl den Felsen zu berühren und zu küssen (gehört zum finish des Laufes) und dann Gela in die Arme zu schließen und David dazu, kann ich nicht beschreiben. Pures Glück, Freude, in mir totale Zufriedenheit. Ich habe es geschafft, ich bin HARDROCK-Finisher.
Viele Bilder wurden geschossen, Dale, der RunDirektor gratulierte, hängte mir die Medaille um, ich durfte weitere Hände schütteln und Glückwünsche entgegen nehmen. Dann ins Motel, Dusche, 2 Stunden schlafen.
Das große Frühstücksbuffet und die ausgedehnte, kurzweilige Siegerehrung bildeten den sehr schönen, nachhaltigen Abschluss einer von A-Z super gelungenen Laufveranstaltung.
Ich bewerbe mich für das nächste Jahr wieder. Logisch, dann in "Clockwise Direction."
YES!!!
Wolfgang Höfle
July 2011