© KuSuH  -  Kraichgau und Stromberg und Heuchelberg
Jacqueline Obier-Sikora über IHREN KuSuH 2018
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KuSuH – oder einer der härtesten undercover 100 Meiler Deutschlands (29.-30.9.2018) Ich habe trainiert. Na klar, was auch sonst? Wer würde das nicht tun, wenn es heißt: noch 10 Wochen bis zum KuSuH? Nennen wir es Motivation, Respekt und Angst die mich teilweise zwei Mal vor die Haustür haben treten lassen. Vor allem zum Ende hin wurden die langen/harten Einheiten immer zäher und teilweise war ich nach nur 12 Kilometer schon so platt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie es ist 160km am Stück zu laufen. In den finalen Wochen plagte mich nicht nur die Allergie ganz fürchterlich, nein ich hatte plötzlich auch ohne Heuschnupfen Atemnot und wusste bis 5 Tage vor dem Start noch nicht wieso. Von inneren Blutungen, Herzproblemen und Darmkrebs war so ziemlich alles dabei was die Ärzte vermuteten. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, wenn ich mit bläulichen Lippen in den Spiegel guckte und manche Einheiten abbrechen musste oder erst gar nicht lief, weil mein Puls im langsamen Tempo schon die 190 überschritt. Ein weiterer Grund weshalb ich mich in dieser Zeit in den sozialen Medien zurückgezogen hatte. Mein Retter in der Not (4 Tage vor dem Start) war dann mein Osteopath. Meine Brustwirbelsäule war dermaßen blockiert, dass ich nicht mehr selbständig richtig ein- oder ausatmen konnte. Das Beste zum Schluss also. Mit einem plötzlichen Sauerstoffüberschuss, beflügelt, von dem mir schon ganz schwindlig wurde, sah ich dem Start nun positiv entgegen, als Georg und ich uns am Nachmittag auf den Weg nach Kraichgau machten. Briefing im Vereinshaus Oberderdingen um 18:30h, Start um Mitternacht, von Freitag auf Samstag.   Ich hätte niemals geglaubt, dass mein ein für zwei Stunden angesetztes Briefing tatsächlich ausfüllen konnte – doch Gesa und Wolfgang schafften das. Nur für mich war es leicht fraglich, ob ich nach mehreren Stunden Gelaufe überhaupt noch in der Lage bin, Fixpunkte wie Schneisen, Bäume oder einen speziellen Zaun zu erinnern.   22 Starter gab es dieses Jahr nur und die Strecke sei um noch ein paar Gemeinheiten mehr ergänzt worden. Auch der Satz: „Wir haben nur eine einzige Frau am Start!“ sorgte etwas für Aufsehen. Ich grinste dämlich in die Runde und winkte dabei kurz.   Dann galt es herauszufinden, wie man sich schnellstmöglich nochmal etwa drei Stunden entspannt. Ich hatte das liebevolle Mitleid von Sylvia und ihrer Freundin erweckt und letztere hat sich wirklich gefreut, als ich ihr Angebot annahm, bei mir zu Hause im Gästezimmer zu schlafen. Ich war tatsächlich gerührt, denn ich fühlte mich zu diesem Zeitpunkt schon so, als hätte ich eine Nacht durchgemacht. Vor lauter Aufregung war mir jedoch so kalt, dass ich unter der Decke immer wieder zitterte. Immer kurz bevor es ins Traumland gegangen wäre, bekam mein Hirn kurz wie einen elektrischen Schlag, der mir das Adrenalin durch den Körper schießen ließ: „Was, wenn ich wieder keine Luft bekomme?“ „Was, wenn sich die Sehne vom Last Man Standing doch nochmal meldet, trotz getapten Fuß, der schon gar keine Socke mehr benötigte?“ Und das wichtigste: „160 KILOMETER, 65000HM!“. Mein Dahinsiechen wurde durch den Wecker zum Glück beendet. Mir war noch immer unglaublich kalt, mir war schlecht. Ich aß Reis, nahm Magentropfen und wurde wieder zum Clubhaus gefahren. Man bescheinigte mir, ich würde völlig gelassen wirken, aber Freunde, das war nur meine Hülle. Wenn Jamie langsam und bedacht spricht, dann nur, weil gerade viel schnellere, andere Dinge im Kopf herum gehen. © KuSuH.de Treffpunkt Tartanbahn – 15min zittern bis zum Start. Georg und ich grinsen uns an. Mir ist kalt und mich schüttelt es von innen, mir ist einfach nur schlecht. Ich hibbele durch die Gegend, ziehe am Tailwind und versuche mich dann so dicht an Georg zu stellen, dass unsere Softflasks nicht auslaufen. Am Rand der Bahn stehen Fackeln und dann ertönt ein episches Lied, welches mir viel zu lange dauerte. Als es endlich endete wurde eine Feuerwerks-Rakete gezündet und wir liefen los. Georg und ich wie immer nebeneinander her und ich betonte noch, dass das wahrscheinlich meine langsamste Runde gewesen war und gleichzeitig wahrscheinlich die schnellste beim KuSuH. In meinem Kopf war nur noch zu hören: „Es ist eine Reise, deine Reise und du wirst sie hinter dich bringen, Schritt für Schritt“. Soweit so gut, wir holpern über den Asphalt durch das Dorf über Kopfsteinpflaster, leicht ansteigend und steigen im Gänsemarsch einen sehr engen Tunnel durch. Teddy war im Briefing schon vorgewarnt worden, dass er notfalls durchgepresst werden sollte. Dann geht es eine kleine Ewigkeit Steinstufen nach oben und schon recht bald befinden wir uns im, auf und neben den Feldern und Äckern. Neben uns toben drei Pferde panisch über eine Koppel. Wir haben sie gestört. Kurz danach checke ich kurz mein mini-Behältnis, welches am Rucksack baumelt und bemerke, dass alle Ersatzakkus und notwendigen Medikamente fehlen, die darin gesteckt hatten. Wie angewurzelt bleibe ich kurz stehen. Umdrehen und im Gras danach suchen? No Way. Mit diesem ätzenden Gefühl laufe ich weiter und finde während der Problemlösung meinen Schritt. Ich lasse Georg mit seinen drei Anhängern vorne wegziehen und befinde mich noch irgendwo zwischen David und Frank Beutel. Wir biegen auf die ersten Trails im Wald ein. Noch geht alles soft los. Ziemlich lange laufe ich direkt hinter David, dem man von hinten ansieht, dass er sein eigenes stoisches Tempo hat. Ich jedoch auch, denn ich fange bereits nach 10 Kilometern mit dem Reis-essen am Berg an. Und so verlieren wir uns und nun bin ich gefragt zu navigieren. Recht bald stehe ich irgendwo muss mich drehen und wenden und dann sind auch schon die Frank Beutel-Anhänger auf mich aufgelaufen. Gemeinsam testen wir mit GPS wo es denn nun wirklich langgeht. Ich lache da noch und mache Witze darüber. Ist ja nicht das erste Mal, dass ich in solche Situationen gerate. Und wir haben Zeit, massig Zeit. 33 Stunden für 160km? Das wäre ja wandern! Dann kommen auch schon die ersten sandigen Hänge die ich das erste Mal mit meinem Leben zügig runterslide und auch auf den weiteren Laub-Serpentinen keine ganz so schlechte Figur mache. Plötzlich sind wir wieder lost, auf dem Track und doch nicht. Mal sehen wir ein weißes Flatterband und mal nicht. Auch kleine Reflektoren erleichtern uns die Wegfindung öfter, aber eben nicht immer. Wir steigen plötzlich durch Morast, die Äste verfangen sich in meinen Haaren. Ich führe die Gruppe an und sehe aus den Augenwinkeln nur das Meer der Stirnlampen. Irgendjemand ist dann plötzlich doch neben mir, versucht zu navigieren. Wir wechseln uns ab. Alles ist voller Gestrüpp mit dünnen Ästen, Dornen und auch Brennnesseln am Boden. Dabei übersteigen wir große und kleine Baumstämme und bahnen unseren Weg Luftlinie. Man sollte definitiv niemals über Aufzeichnungen bei Garmin oder Strava urteilen, wenn kaum Höhenmeter oder gar negative Höhenmeter angegeben sind aber die Pace nach einer entspannten Wanderung aussieht. Sowas mal bei Nacht vorstellen  © KuSuH.de So ist es nämlich nicht. Plötzlich tauche ich bis zum Knöcheln in bestialisch stinkende Wildschwein-Suhle und im nächsten Moment stolpere ich schon wieder über irgendeinen losen Steinbrocken. Nennen wir es Off-Trail Massaker. Hätte man mir gesagt, dass das immer so weiter geht, ich hätte wahrscheinlich hysterisch gelacht. Krafttraining inklusive, Kniebeugen brauchen wir dieses Jahr wahrscheinlich erstmal nicht mehr. Ich fühle mich gehemmt, habe Angst davor mich von den anderen zu entfernen und mir die Strecke eigenständig zu suchen. Meinen Kopf erfasst eine Lähmung, ich möchte gerne schneller laufen, aber immer wieder bleibe ich stehen und orientiere mich nach hinten. Ebenfalls bin ich unschlüssig darüber wie ich an Ersatzakkus gelange. Ich komme zu dem Schluss bei der Orga anzurufen, während ich einen Anstieg hinaufstapfe. Es tut gut eine freundliche Stimme zu hören und zu erfahren, dass Batterien an VP1 für mich deponiert werden. Es hat noch nicht mal Kilometer 15 geschlagen, da starte ich den ersten Podcast. Ich ertrage keine Musik, aber auch keine Stille und die knackenden Zweige unter meinen Füßen oder das Rascheln von Laub. Angenehm vertraute Stimmen zu hören, treibt mir fast die Tränen in die Augen. Ich weiß nicht genau was mit mir los ist, ich atme schwer und muss mich fragen, ob mir die Osteopathie wirklich geholfen hat. Dass wir vor ein paar Wochen die ersten 40km bei Tageslicht abgelaufen sind, bringt mir in diesem Moment herzlich wenig. Ich erkenne fast nichts wieder, weiß aber aufgrund der Kilometerzahl, dass jeden Augenblick ein Hang auftauchen muss, an dem ich das letzte Mal fast gescheitert war. Irgendwie überkommt mich wieder diese Ungewissheit und plötzlich stehe ich am Hang, hinter mir meine kleine Truppe Läufer. Ich reiße mich zusammen und versuche zügig hinaufzugelangen. Diesmal gelingt es und ich greife rechtzeitig um den Ast der auf dem letzten Drittel aus dem Anstieg wächst und drücke mich mit Herzklopfen nach oben. Plötzlich bin ich sehr erleichtert, atme wieder entspannter und schaffe es wieder mehr ins Laufen zu kommen. Gemeinsam holpern wir über nasse Wiesen mit Hunderten von vergorenen Äpfeln, bis ich mich wieder verfranse und plötzlich alleine im Unterholz stehe. Also lasse ich mich zurückfallen und lauf-wandere mit Teddy und dem ältesten Teilnehmer (der mich irgendwie an einen von Schneewittchens 7-Zwerge erinnerte) ein paar Kilometer weiter und trotzdem kriechen wir durchs Unterholz, nur eben langsamer. Es folgen zwei steile und längere Anstiege, die mehr geklettert als gewandert werden und es dauert nicht lang, da liegt der erste vor mir auf der Nase. Mir ist kalt und ich sehe ein, dass das so nicht weitergeht und überhole wieder zügig und treffe sogar irgendwann wieder auf laufbare Trails. Mir stellt sich die Frage, ob alle Teilnehmer hier ihre Pace tatsächlich im Griff haben. Mein Gefühl sagte mir, dass wir so niemals ankommen würden. Mein Verstand versuchte mir mitzuteilen, dass die Meisten hier schon wissen wie sie den Lauf am besten angehen. Und wenn ich einen Fehler nicht machen wollte, dann war es auf den ersten Kilometern zu schnell anzugehen. Diese Gefahr war zwar mittlerweile außer Reichweite, aber ich komme einfach nicht in den Tritt. Innerlich ohrfeige ich mich selbst und gebe einfach „Gas“. Wenn nicht jetzt, dann werde ich wohl nie wieder auf Frank und die anderen aufschließen. Also laufe und speedhike ich, bis ich vergesse, dass ich mal ein Luftproblem hatte. Und siehe da: die Gruppe wird wieder durch die Bäume sichtbar, befinden sich aber irgendwo links und ich brauche noch ein paar Kurven, ehe ich direkt auf sie zusteuern kann. Als ich sie einhole sind alle ganz leise und konzentriert. Ich ziehe vorbei, denn nun kommt mir die Strecke wieder bekannt vor. Es geht raus aus dem Wald und das erste Mal habe ich plötzlich wieder Asphalt unter meinen Füßen. Flach geht es über die Felder. Ich möchte Strecke machen, die anderen halten sich zurück und ich verliere sie Meter für Meter, bis ich um die erste Kurve verschwunden bin. Ich möchte gar nicht mehr aufhören zu laufen, selbst dann nicht, als es wieder aufwärts geht. Über mir funkeln die Sterne und ich sehe Teile der Milchstraße. Auf einmal bin ich unendlich glücklich und abgrundtief dankbar für diesen Moment. Am Waldrand angekommen ist mir schon bald nicht mehr ganz so klar, wohin die Reise geht. Ich blicke immer wieder zurück und sehe ein paar hundert Meter entfernt einen Läufer der sich von der Gruppe abgesetzt hat. Also werde ich langsamer und lasse ihn auf mich auflaufen. Gemeinsam entscheiden wir uns für den nächsten Einstieg auf die Trails und helfen uns immer wieder gegenseitig mit der Navigation. So begegnen wir uns immer wieder, ansonsten ist es ziemlich einsam auf der Strecke. Langsam erwarte ich den Sonnenaufgang und VP1 nach 43 Kilometern. © KuSuH.de Dazwischen liegen jedoch die ersten Bachquerungen, die ohne nasse Füße gar nicht zu machen sind. Entweder ist der Bach zu breit, zu tief oder man muss gegenüber erstmal wieder einen kleinen Hang hinauf. Als mich die (Off)Trails plötzlich auf einer Waldautobahn ausspucken, kann ich es zunächst gar nicht glauben, aber es ist wahr: vor uns liegen zwar noch einige Höhenmeter, aber das ist mir alles gleich, solange ich meine Füße nicht mehr über Steine und Äste heben muss. Also laufe ich einfach so zügig wie es mir möglich ist und sehe aus dem Augenwinkel wie Michael auch anzieht, um an mir dran zu bleiben. Nach einiger Zeit wird es wieder undurchsichtig und ich laufe falsch, bis mich ein Ruf ereilt: „Hier rein!“ Langsam kommt buchstäblich auch wieder Licht ins Dunkle. Der Wald erscheint bläulich und ich kann abschnittsweise immer mal wieder die Stirnlampe ausschalten. Über einen dicken Baumstamm steigen wir in den so genannten „Alpensteig“ ein. Vor uns liegt ein ca. 1 Kilometer langes, sehr felsig-steiles Vergnügen. Dazwischen liegen Äste, manchmal auch Bäume und freie Stellen bestehen aus Matsch. Idyllisch plätschert ein kleiner Bachlauf hinab, den man in der natürlichen Rinne hinaufzusteigen hat. Mehrfach greife ich mit meinen Händen in glitschiges Moos, raue mir meine Handschuhe an den Steinen auf und sehe zu wie mehrere kleine Frösche panisch über meinen Handrücken springen. Michael’s und mein Gekeuche übertönt den Vogelgesang der Morgenröte. Ich erfahre, dass er nicht das erste Mal beim KuSuH gestartet ist und frage, wann endlich ein Ende in Sicht kommt, erhalte aber keine Antwort. Ich merke schnell, Michael ist ein eher ruhiger Vertreter und antwortet höchstens dann, wenn er tatsächlich gefragt wird. Nach dem Steig geht es wieder auf Trails die überwuchert sind mit Pflanzen die wie Mini-Schilf aussehen. Dazwischen liegen lose, brockige Steine und immer wieder Wurzeln. Meine ganze Konzentration ist gefragt, aber ich bleibe im Laufschritt, denn sonst komme ich niemals an. © KuSuH.de Nach einer gefühlten Ewigkeit werde ich wieder vom Wald auf Asphalt und Schotter ausgespuckt und ein paar hundert Meter weiter erblicke ich die erste VP. Meine Uhr zeigt 7:40h und ich kann nicht fassen, dass ich so viel Zeit verloren habe. Ich versuche diesen Umstand auszublenden, setze meinen Rucksack ab, bekomme eine Wolldecke über die Beine gelegt, die Batterien in die Hand gedrückt und merke wie mir alles was ich vorhabe einfach nicht schnell genug geht. Mit tauben Fingern fülle ich zwei neue Packs Tailwind in meine zwei Softflasks und Gela hilft mir mit dem Nachfüllen von Wasser. Alles ist irgendwie nass und klamm und ich fühle mich furchtbar und übermüdet, kippe Tee und Suppe, entsorge meinen Müll, bunkere Müsliriegel, fahre erstmals meine Poles aus und greife nach einer großen Brezel die ich mit auf die Strecke nehme. Unterdessen kommt auch Michael eingelaufen und als ich das Gefühl habe, dass er eigentlich direkt mit mir mitkommen kann, fordere ich ihn dazu auf, dass wir ab jetzt offiziell zusammen weiterlaufen. Mich erreicht irgendein Gebrummel, gefolgt von „Du bist mir wahrscheinlich eh zu schnell…“ und sehe dann, wie er sich dennoch in Bewegung setzt und mir folgt. © KuSuH.de Ich kaue an meiner Brezel, beginne ein unverfängliches Gespräch über die gerade vorherrschende Kälte dir mir das letzte bisschen Leben aus dem Körper saugt und sage mir immer wieder, dass ich ins Ziel komme, wenn ich nicht unnötig langsamer werde. Mit meinen Akkus habe ich im Übrigen auch meine Allergietabletten verloren – das alleine kann ich noch verschmerzen, aber dass was nun wirklich fehlt sind meine Schilddrüsenhormone. Normalerweise ist das jeden Morgen wie ein Hallo-Wach für mich und gerade in dieser Situation wäre mir das sehr entgegen gekommen. Stattdessen gerate ich immer weiter in den Sog der Müdigkeit und versuche einfach auszublenden wie es mir geht, denn meinen Beinen geht es gut. © KuSuH.de Die nächsten 30 Kilometer werden insgesamt laufbarer und es gibt einige Singletrails zum Cruisen. Ich mache Strecke und habe nur noch den einen Gedanken im Kopf: laufen, laufen, laufen – denn die Umstände werden sicher wieder anders. Michael fällt zunächst ab, als ich beginne auch Anstiege hochzulaufen, saugt sich dann jedoch wieder an mich heran und bleibt mir stetig auf den Fersen. Das mit der Navigation habe ich gerade ganz gut im Griff und ich fasse wieder Biss und Mut, dass alles doch noch ein gutes Ende nimmt. Die Musik auf meinem iPod pusht mich und auch der tote Maulwurf mitten auf der Gasse kann meine Stimmung nicht trüben. Trotz mindestens 2 Jahren Stock-Abstinenz war es, als wäre ich nie ohne gelaufen. So hat auch Michael immer wieder ein todsicheres Zeichen: Stöcke in die eine Hand hatte den Kausalzusammenhang „loslaufen“. Ich atme tief aus und renne dabei los. Mein neues stilles Mantra, oder so… Ich rechne immer wieder und gehe mit der Annahme, dass wir nach Kilometer 76 ein Wasser / Obst VP erreichen. Irgendwie hält mich das bei Laune – ich teile die verbleibenden Kilometer in Abschnitte. „Bis Kilometer 50 ist geschenkt und dann quasi nur noch ein grober Halbmarathon“. © KuSuH.de Über schrecklich schöne Weinberge geht es steil hinauf, wieder in den Wald, durch den nächsten Bach und über die nächste Obstbaumwiese. Langeweile gibt es nicht. Sobald die Füße trocken sind, werden sie auch schon wieder nass. Mit den Stöcken drücke ich mich die Höhenmeter hinauf und nehme dabei wahnsinnig viel Kraft aus dem Oberkörper um die Oberschenkel zu schonen. Natürlich dauert es nicht lang und wir verlaufen uns wieder. Und wieder und wieder und wieder. Markierungen fehlen oder tauchen erst viel zu spät auf. Zudem bemerke ich, dass Michael mit seinem Navi gar nicht umgehen kann und ich habe keinen Nerv mir das Ding vorzuknöpfen und versuche weiter mit meiner Wurmnavigation klarzukommen. Ich bemerke wie uns das Zeit kostet, aber ich kann es nicht ändern. Gute fünf Stunden später werden meine Beine matschig, meine Hose rutscht, beim Pinkeln muss ich mich am Baum vor mir festhalten und Downhill die Zähne zusammenbeißen. Ich lächle versuche alles mit Humor zu nehmen. Niemand hat gesagt, dass das einfach wird. Zudem gilt meine größte Sorge sowieso nur dem Verlaufen, meinen Körper kann ich heute handeln. © Sylvia Nach etwa 74km sehe ich unten am Trail jemanden stehen – es sind meine zwei „Betreuerinnen“ die extra auf mich gewartet haben! Ich bin verdammt froh die beiden zu sehen und mindestens genau so froh, endlich wieder zwei Liter Wasser auffüllen zu können, denn das bisschen Tailwind hätte mich bald nicht mehr retten können – wir waren beide out of water und deshalb schon länger ziemlich besorgt. © Sylvia Ich falle über die aufgeschnittene Wassermelone her und zehn Minuten später sind wir wieder unterwegs. Uns erwarten wieder fiese Anstiege, viel Gestrüpp und natürlich unklare Wegverhältnisse. Die Weinberge machen mich fertig und teilweise folgen darauf so extrem steile Hänge, dass ich einmal nicht mehr weiß wie ich runterkommen soll, ohne parallel abzurutschen. Der Boden ist locker, bietet mir keinen Halt, nur einen Fuß breit und nach unten hin ausgefranst. Ich fühle mich wie auf einer Rasierklinge, mein Kopf blockiert und ich brauche Ewigkeiten ehe ich mich über diese Stelle hinwegbewegen kann. Schmerz und Spaß bei der Stierweide Wir kriechen unter einem Elektrozaun einer Stierweide hindurch und halten uns an die Worte aus dem Briefing, diese zügig am inneren Rand des Zauns zu überqueren und anschließend noch einmal auf den Knien unter dem Zaun auf der anderen Seite zu durchzurobben. Das alles raubt mir Energie und meine mentale Stärke. Wir stochern nur noch durch das Unterholz, meinen Kopf streifen ständig dicke und dünne Äste mit und ohne Blätter. Es geht nur noch steil rauf und steil runter. Meine Füße brennen wie die Hölle durch das ständige Rumgerutsche. Immer wieder bleibe ich an Steinen hängen oder kicke sie ungewollt vor mir her. Durch das dichte Laub sieht man den Untergrund nicht und an den Bäumen fehlt die Markierung. Es ist kein Pfad erkennbar, also suche ich mir meinen eigenen Weg, meist im ZickZack. Jubelschreie, wenn dann doch mal wieder eine Markierung auftaucht. Gestöhne, wenn es eine steile Schilf-Stein-Wurzel-Piste Ewigkeiten hinab geht. Dann sehen wir von oben eine Kuhweide, die schon im Briefing erläutert wurde. Jedoch gab es keinen erkennbaren Einstieg. Von der Waldautobahn führte nur ein dicht bewachsener Hang mit tausenden von Dornen hinab. Der Track will es so. Michael stürzt sich einfach direkt in das Vergnügen, während ich oben an einer weniger selbstzerstörerischen Lösung arbeite. Im Prinzip half es aber alles nichts und auch ich werde Opfer des Gestrüpps, kleinen Bäumchen und etlichen Stolperfallen. Währendessen kommt plötzlich sogar noch ein anderer Läufer aus dem Unterholz gekrochen und wenig später erblicke ich unten an der Weide tatsächlich eine weiße Markierung. Freude und Schock überkommen mich gleichermaßen, dass dieser „Weg“ richtig gewesen ist. Ich stolpere beinahe in den Zaun, denn es ist alles so eng und unwegsam. Gemeinsam laufen wir sehr dicht am Zaun entlang bis wir endlich auch diesen Teil hinter uns lassen können. © KuSuH.de Wir laufen Kreise, wir laufen falsch, dann wieder richtig, wir bleiben stehen, ich führe Monologe. Bemerke wie ich den Glauben an das was wir da tun verliere. Wie ich einfach nur Heulen möchte. Wie ich gerne einfach nur jemanden hätte, der mir zumindest gut zuspricht. Doch da bin ich bei meinem Mitläufer an der falschen Adresse. Auch als ich anfange meiner Verzweiflung Luft zu machen, tritt er nur ein Stück an die Seite, was da heißt: „Lauf ruhig vor, ich folge dir“. Ich will aber nicht mehr den Leithammel spielen. Ich will die Verantwortung nicht mehr. Ich will mich einfach nur auf mich selbst konzentrieren dürfen. © KuSuH.de Stattdessen entscheide ich gefühlt jeden Schritt den wir tun. Gehe ich pinkeln, geht Michael auch. Laufe ich an, rennt auch er. Bleibe ich stehen, stehen wir gemeinsam. Nur mein Wunsch nach einer ausgeglichenen Navigation bleibt weiterhin unerhört. Ich stapfe verzweifelt weiter durch das Unterholz, fange an zu schniefen, alles in mir will heulen. Wir erreichen einen Wall von dem ich uns nicht mehr wegnavigieren kann. Mein GPS fängt an zu spinnen, die Karte dreht sich einfach mit, sobald ich die Richtung ändere, sodass der Track immer in eine andere Himmelsrichtung verläuft. Ich stehe mit verbogenen Füßen im Unterholz mitten in einem Hang und versuche die Richtung zu ermitteln. In meinem Gesicht hunderte unsichtbare Spinnweben, die sich nicht entfernen lassen wollen. „Kannst du dich hier an irgendetwas erinnern?“ „Nein…“ „Und wenigstens grob in welche Richtung?“ (Schweigen) „Was soll ich denn jetzt machen? Wo sollen wir hin? Ich weiß nicht was ich machen soll!“ Meine Stimme bebt, in meiner Kniekehle kratzt eine Dornenranke, ansonsten ist es still im Wald. Du erscheinst mir gerade etwas aufgeschmissen… Ich bin unendlich sauer, weiß aber auch, dass ich selbst für mich verantwortlich bin. Der Umstand, dass da jemand ist, der mir helfen könnte treibt mich mental jedoch in den Ruin. Trotzig rutsche und stolpere ich bis ganz nach unten auf eine Waldautobahn, die mich kurz wieder aufatmen lässt. Doch ich weiß immer noch nicht, ob rechts oder links. Es gibt schon seit langem keine Markierung mehr und der Track dreht sich noch immer mit mir mit. Wir laufen bis an eine Straße. Ich bin fertig mit den Nerven und mache keine Anstalten mehr noch irgendeine Richtung vorzuschlagen. Auf einmal wird Michael aktiv: „Soll ich mal Wolfgang anrufen...?“ „Ja, bitte…“ Ich lasse mich wie ein nasser Sack einfach auf den Weg plumpsen. An uns rauschen die Autos vorbei. Es sieht schon wieder nach Dämmerung aus. Michael telefoniert lange, sehr lange. Mir wird kalt und zwar so richtig. Meine Uhr zeigt über 90 Kilometer und der VP scheint einfach von dieser Welt verschluckt zu sein. Michael kommt wieder zu mir, versucht zu erklären wo wir lang müssen. Wir stehen vor einem beschriebenen Wasserhäusschen aber wir erkennen keinen Weg oder Pfad. Also bleiben wir in der Nähe der Straße. Ich blicke durch einen Tränenschleier und wünsche mir nichts sehnlicher als etwas einigermaßen Anständiges zu Essen und einen Schuhwechsel, denn meine Füße krampfen. Als meine Uhr den Anschein erweckt sich wieder gefangen zu haben, biege ich kurzerhand auf den nächsten Feldweg ein, der leicht ansteigend verläuft und uns wieder in den Wald bringt. Nach 95 Kilometern wird Michael etwas Entscheidendes bewusst: „Ich glaube wir haben VP Sternenfels übersprungen, wir sind schon auf dem Weg in die Schlucht!“ Es konnte nicht wahr sein, aber es war eine Tatsache. Also drehten wir um und waren irgendwann wieder am Ausgangspunkt. 97 Kilometer. Ich lache zynisch auf. Michael telefoniert wieder mit Wolfgang. Wir sollten uns nur noch an der Straße halten, die Markierungen seien sabotiert worden. Mich wundert hier gar nichts mehr. Meine Wut wächst ins Unermessliche. © KuSuH.de Irgendwann stehen wir mitten in Sternenfels, aber sehen immer noch keine VP. Es wird wieder telefoniert. Michael geht ein Stück weiter zum Feld, ich lasse mich einfach auf den Gehweg fallen. Keinen unnützen Meter will ich noch gehen. Während ich erfriere hält plötzlich am Feld ein Auto. Eine Frau steigt aus und unterhält sich mit Michael. Ich hoffe darauf, dass sie uns einfach mitnimmt, erhebe mich und schwanke stocksteif zu den beiden. Stattdessen marschiert sie mit uns ein Stück und deutet dann eine Landstraße hinauf: „Da müsst ihr hoch und dann kommt in 1,2 die VP!“ Ich bin fassungslos. Michael läuft zielstrebig los und ich sehe keinen Sinn mehr darin nochmal anzuziehen. Ich spüre wie sich mein Finish in Luft auflöst, denn rechnen kann ich durchaus noch und ich bin entsetzt darüber, dass wir für diesen Abschnitt sogar diesmal über 6 Stunden unterwegs sind. Um mich herum wird es richtig dunkel. Trotzig gehe ich zügig hinauf, immer an der weißen Fahrbahnmarkierung. Ich weiß, dass ich aussteigen werde. Ich teile meine Wut in einer Instagram Story und werde gar nicht mehr klar im Kopf, erachte es für unerhört uns im Dunkeln an einer Landstraße laufen zu lassen. Plötzlich hupt es neben mir. Na toll, noch einer mehr der sich aufregt. Recht hat er jedoch, denkt sich wahrscheinlich, die Gestörten machen das freiwillig. Ich schaue weder nach links und rechts, als das Auto neben mir hält. Ich rechne damit, dass mich gleich jemand wild beschimpft und verprügelt, aber es ist nur ein Helfer vom KuSuH, der mich die letzten 200 Meter in seinem mollig warmen Auto mit nach oben nimmt. Meine Unterlippe zittert, ich bin kurz vor einem Weinkrampf und ereifere mich über die Umstände der letzten Stunden. „So eine verdammte Scheiße.“, ertönt es vom Fahrersitz. Wir laufen von der falschen Seite in den VP und werden dafür erstmal gerügt, bis wir erklären wie es dazu gekommen ist. Meine Uhr zeigt anstatt versprochenen 93km, 101km an. „Ihr seid doch gutes Mittelfeld, macht doch weiter!“ © KuSuH.de Doch ich weiß, wir werden unter diesen Umständen das Ziel niemals sehen. Trotzdem wechsle ich Socken und Schuhe, steche zwei riesige Blasen an den großen Zehen auf, in denen das Blut wie in einer Zauberkugel zirkuliert und bekomme Blasenpflaster gesponsort. Es ist plötzlich saukalt, sodass meine Zähne unkontrolliert aufeinanderschlagen. Bei lauwarmem Tee, einem Laugenbrötchen und einer Diskussion komme ich jedoch zu dem Schluss auszusteigen. Ob 101 oder 125km, macht nun auch keinen Unterschied mehr, wenn ich das Ziel sowieso nicht sehe und die Markierungen im weiteren Verlauf ebenfalls fehlen oder woanders platziert wurden. Es seien auch Fremde gesehen worden, die aus dem Unterholz gestiegen kamen und verdächtig so aussahen als seien sie ein Teil des Sabotage-Plans. Meinen ersten 100 Meiler hatte ich mir so nicht vorgestellt. Ich glaubte daran, an ganz anderen Dingen zu scheitern, aber nicht an sowas. Meine Beine taten weh, es war unglaublich kalt – ja! Aber all das hätte ich wahrscheinlich überlebt, wenn es die Hoffnung gegeben hätte noch ins Ziel zu kommen. Michael war wild entschlossen weiterzuziehen und hatte sogar Begleitung von Alex, der jedoch verlauten ließ, dass er nur noch „echt langsam“ unterwegs sei. Ohne zu rennen wäre ich schon längst erfroren, also war das das zweite Totschlagargument für mein DNF nach 20 Stunden Survival im Kraichgau. Nach mir schieden auch noch Frank und sein Mitläufer aus. Um es kurz zu machen, niemand nach mir hatte das Ziel überhaupt noch gesehen. Auf der Autofahrt zurück erlangte ich langsam wieder die Kontrolle über mich selbst und versuchte die ganze Freundlichkeit und Herzenswärme wieder zurückzugeben die jeder Helfer beim KuSuH versprühte. Es war einfach eine ganz bittere Erfahrung. Wieder im Vereinshaus saß ich gegen 21h frisch geduscht mit einem Stück Nusszopf in der Hand im Raum des Orgateams und fiel kurz darauf auf einem Feldbett in einen komatösen Zustand. Meine Beine schmerzten so sehr, dass ich mich ständig wie ein schnaufendes Nilpferd auf die andere Seite drehen musste, weil sich das Gestell in meine Knie zu bohren schien. Einerseits war ich wirklich stolz es überhaupt soweit gebracht zu haben, andererseits hätte ich gerne das erreicht was ich mir vorgenommen hatte. Wofür ich (hart) trainiert hatte, dem ich entgegenfieberte und eine große Anspannung zugelassen habe. Dennoch ist es eine Erfahrung und in Summe einfach ein sehr langer und harter Trainingslauf von dem ich zumindest aus läuferischer Sicht profitiert habe. Das DNF hat sich auch insofern als richtig herausgestellt, weil ich im richtigen Moment aufgehört habe. Ich hatte mich nicht zerstört, sodass ich drei Tage später wieder so fit war wie ich es nicht erwartet hätte. Ich dachte eigentlich, dass ich danach erstmal fertig sei mit diesem Gelaufe, aber zur Zeit ist eher das Gegenteil der Fall. © KuSuH.de Es bleibt zu sagen, dass es insgesamt nur 7 Starter überhaupt ins Ziel geschafft haben – der Schnellste in knapp 26 Stunden, gefolgt von Georg in knapp über 28 Stunden (was anderes habe ich sowieso nicht erwartet :-) ) Für Georg und mich jedoch definitiv ein Event der Stufe 3 – not fun to remember und kommt deshalb auf die Liste der wenigen Läufe mit der wir erstmal keine Rechnung mehr offen haben. Wer aber auf familiäre und zugleich brutale Läufe mit Herzblut steht oder dem 100 Meilen auf normalen Trails ansonsten nicht genug sind, der ist beim KuSuH sicher an der richtigen Adresse!